Franz Sales Haus · Jahresbericht 2019

Wohnen

Unterwegs mit Freunden, gemütlich zu Hause, beim Hobby oder in der Tagesstruktur: Viele Bausteine machen die individuelle Lebensqualität für die Klienten aus.

Selbstbestimmt leben

Mehr denn je spielt in der Behindertenhilfe das Wunsch- und Wahlrecht und damit die Selbstbestimmung des Menschen eine Rolle. Jeder entscheidet möglichst selbst, wie und wo er wohnen möchte und erhält entsprechende Unterstützung, unabhängig von der Wohnform. Vor diesem Hintergrund entwickeln wir die Vielfalt der Angebote des Franz Sales Hauses konsequent weiter und orientieren uns dabei an den Impulsen der Klienten.

Die Franz Sales Wohnen GmbH und die Heimstatt Engelbert GmbH unterstützen Menschen mit Behinderung in gemeinschaftlichen und eigenverantwortlichen Wohnformen. Bei uns können nicht nur Alleinstehende und Paare, sondern auch Wohngemeinschaften die ambulanten Hilfeleistungen des Franz Sales Hauses in Anspruch nehmen. Seit 2019 gibt es zwei WGs, in denen der pflegerische Bedarf der Klienten bereits über die Pflegekasse finanziert und von den Leistungen der Eingliederungshilfe abgegrenzt wird. Dies wurde durch geänderte gesetzliche Vorgaben nötig und gestaltet sich in der Praxis für alle Akteure nicht immer einfach. Mit Blick auf die Notwendigkeit eines solchen Angebots hat die Franz Sales Wohnen GmbH schon 2018 den Pflegedienst „Lebenswert“ gegründet. Dadurch können wir nun einen pädagogischen und pflegerischen Leistungsmix aus einer Hand anbieten, was von vielen Klienten gern angenommen wird.

Auch junge Erwachsene äußern vielfach den Wunsch, allein oder in kleinen Gruppen in der eigenen Wohnung zu leben: mit eigenem Schlüssel und mehr Eigenständigkeit. Für sie entwickeln wir verschiedene Wohnprojekte in ambulanter Form. Die Heimstatt Engelbert betreut zurzeit acht junge Leute stundenweise in der eigenen Wohnung. Hier geht es darum, im Anschluss an die vorangegangene umfassende Betreuungssituation den Übergang in das eigenverantwortliche Erwachsenenleben zu unterstützen. Ziel ist es, erworbene Kompetenzen zu festigen und die Selbstständigkeit der Klienten weiter zu fördern – ebenso wie in drei Wohngemeinschaften des Franz Sales Hauses, in denen insgesamt zehn Personen mit geistiger Behinderung leben. Davon richtet sich das Leistungsangebot einer WG explizit an junge Klienten mit hohem Hilfebedarf, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen. Auch ihnen können wir nun den Schritt zur eigenen Wohnung ermöglichen. Damit steht für den Anschluss an den Kinder- und Jugendbereich nun ein weiteres attraktives Wohnangebot für junge Erwachsene zur Verfügung.

Buntes Kulturangebot

Die inklusiven „Mal anders“-Kulturkurse im Franz Sales Haus laden auf vielseitige Weise dazu ein, kreativ aktiv zu werden. Das Theater-Ensemble Makiba ist inzwischen eine echte Institution. Die Gruppe tritt auf verschiedenen Bühnen und bei Festivals auf. Im September 2019 zeigte Makiba bei einem inklusiven Kunstfestival im Mülheimer Stadtpark eine besondere Performance: In einer mit Naturmaterialien gestalteten Szenerie der Land-Art-Künstlerin Mila Langbehn führten sieben Ensemble-Mitglieder das Stück „Bunte Vögel – Tanzend Laub“ auf. Die fantasievollen Kostüme, schwingende Bewegungen und musikalische Begleitung verzauberten die Besucher, die nach der poetischen Aufführung mit den Akteuren ins Gespräch kamen. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und die vielfältigen Begegnungen durch dieses Projekt haben alle Beteiligten bereichert und sie für ihre weitere Theater-Arbeit gestärkt.

Verbesserungen im Angebot

Bei den Klienten in besonderen Wohnformen (früher: stationäre Wohnformen) findet das soziale Miteinander in den Gemeinschaftsräumen statt, dabei spielt gerade das gemeinsame Essen für viele eine wichtige Rolle. Am Esstisch trifft man sich und tauscht sich aus. Für diejenigen, die ihren Alltag mit fachlicher Unterstützung selbst organisieren können, gehören der Lebensmittel-Einkauf und die Zubereitung der Mahlzeiten ganz selbstverständlich zum Tagesablauf. Da diese Aufgaben nicht in allen Wohngemeinschaften von den Klienten übernommen werden können, besteht alternativ die Möglichkeit der Essensbestellung und -belieferung. Dank der Umstellung der Verpflegung auf das Cook & Chill-Verfahren können in den Wohngemeinschaften und auch bei der Tagesstruktur die Mahlzeiten nun flexibler zubereitet werden. Dafür haben die Küchen moderne Regenerationsöfen erhalten, in denen die vorgegarten Speisen individuell nach Bedarf und in verbesserter Qualität zubereitet werden können.

Einige Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen brauchen besonders differenzierte Unterstützungsleistungen, die auf ihre individuellen Bedürfnisse in verschiedenen Lebensbereichen eingehen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Seelsorge eigens gestaltete religiöse und sinnstiftende Angebote in den Wohngruppen mit vielseitigen akustischen, haptischen und visuellen Reizen umsetzt. Dadurch haben Personen, die sich zum Beispiel beim Gottesdienst in der Kirche weniger wohlfühlen oder einen anderen Zugang zu diesen Themen brauchen, die Möglichkeit, in ihrer vertrauten Umgebung an einem Angebot teilzunehmen.

In manchen Wohngemeinschaften, vor allem bei den Senioren, spielen Altersbeschwerden, Demenz und chronische Erkrankungen zunehmend eine Rolle. Um jeden Menschen nach seinen Wünschen möglichst bis zum Lebensende achtsam und kompetent zu begleiten, entwickelt die unternehmensweite Fokusgruppe Palliative Care entsprechende Konzepte und Materialien. Um diese Konzepte umzusetzen, wurden mehrere Mitarbeitende geschult.

Nächste Stufe des BTHG

Im Zuge der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) hat uns 2019 die Vorbereitung auf die Trennung von Fach- und existenzsichernden Leistungen zum 1.1.2020 stark gefordert. Obwohl lange Zeit die Rahmenbedingungen unklar waren, mussten die neuen Wohn- und Betreuungsverträge für erwachsene Klienten in den besonderen Wohnformen entwickelt, kommuniziert und rechtzeitig mit den Klienten abgeschlossen werden. Zudem braucht nun jeder Klient eine Kontoverbindung und muss einen Antrag auf Grundsicherung oder Wohngeld bzw. Hilfe zum Lebensunterhalt stellen.

Der Informations- und Unterstützungsbedarf zu diesem grundlegenden Systemwechsel in der Eingliederungshilfe war bei allen Beteiligten enorm. Deshalb galt es, die Mitarbeitenden zu schulen und zu stärken, damit sie vor Ort die vielen Fragen von Klienten und Angehörigen beantworten oder entsprechend weiterleiten konnten. Mehr als 100 Mitarbeitende haben an internen Workshops und AGs zum BTHG teilgenommen. Geschäftsführungen und Führungskräfte erhielten bei den Fachtagen BTHG des Bundesverbands Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP) wichtige Impulse und aktuelle Informationen. In verschiedenen Workshops und Informa­tionsveranstaltungen wurden Klienten und Angehörige sowie gesetzliche Betreuer von uns auf die anstehenden Veränderungen vorbereitet. So ist es gelungen, der weit verbreiteten Unsicherheit entgegenzuwirken und gut vorbereitet in den Systemwechsel zum Jahresanfang zu gehen.

Die Trennung der Leistungen ist als technische Umstellung aber nur der erste Schritt, dem weitere Herausforderungen folgen. In 2020 beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig damit, die Personenzentrierung als Kern des BTHG in allen Unternehmensbereichen strukturell und konzeptionell zu verankern. Im Rahmen unserer pädagogischen Arbeit spielen die Wünsche und Bedarfe der Klienten künftig eine noch wichtigere Rolle. Wir sind gefordert, uns mit dem neuen Instrument für die partizipative Bedarfsermittlung (BEI_NRW) und dessen technischer Umsetzung vertraut zu machen. Unsere komplexe Aufgabe ist es, auf Basis der ermittelten und bewilligten Bedarfe das vereinbarte Leistungspaket zu organisieren, die Umsetzung und Wirkungskontrolle zu gewährleisten und dabei sowohl unseren hohen Qualitätsansprüchen als auch den Fragen der Leistungsfinanzierung gerecht zu werden.

Eine weitere Herausforderung ist es, uns für die grundlegend neue Finanzierung der Fachleistungen in den besonderen ­Wohnformen gut aufzustellen. Dazu wird unter anderem eine geeignete Software beitragen. Darüber hinaus hat Anfang 2020 die Projektgruppe „Personenzentrierung“ ihre Arbeit aufgenommen, und auch in weiteren Arbeitsgruppen beschäftigen wir uns mit den jeweiligen Umsetzungsschritten.

 

Zuhause im Quartier

Im April 2019 konnten neun Klienten mit geistiger und/oder Mehrfachbehinderung in die neue Wohngemeinschaft in der Bischoffstraße in Altenessen einziehen. Im Erdgeschoss des Neubaus bietet jedes Apartment ein barrierefreies Bad, eine kleine Terrasse und die Möglichkeit, eine kleine eigene Küche zu installieren. Zusätzlich können aller Mitbewohner die großzügige Gemeinschaftsküche samt Essbereich nutzen und an gemeinsamen Aktivitäten im Sozialraum teilnehmen.

Jeder Mieter genießt so viel persönliche Freiheit wie er möchte und dazu individuell passende, ambulante Assistenzleistungen – zum Beispiel Hilfe bei der Haushaltsführung und der Freizeitgestaltung, pädagogische Assistenz und bei Bedarf Leistungen unseres ambulanten Pflegedienstes „Lebenswert“.  Durch die enge Anbindung an den benachbarten Wohnverbund Bischoffstraße finden die Bewohner jederzeit einen kompetenten Ansprechpartner, wenn sie besondere Hilfe benötigen. Die neue WG ist bestens in die Infrastruktur des Stadtteils eingebunden: Geschäfte, Arztpraxen, Cafés und öffentliche Verkehrsmittel sind gut erreichbar, sodass das neue Wohnangebot ein hohes Maß an Inklusion und Partizipation möglich macht.

Der partizipative Gedanke ist seit vielen Jahren fest in unserer Arbeit verankert. Klienten wirken in Beiräten mit und bringen sich im Rahmen des Peer Support aktiv ein. Sie übernehmen eigenständig verschiedene Aufgaben, um auf Augenhöhe andere Klienten zu informieren oder für verschiedenste Themen zu interessieren. 2019 haben sich Klienten und Mitarbeitende zu Prüfern bzw. Übersetzern für Leichte Sprache ausbilden lassen. Sie können nun die aktive Teilhabe im Bereich der Kommunikation weiter vorantreiben.

Regelmäßig überprüfen wir, ob unser breites Angebot den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung entspricht. Wo neue Bedarfe entstehen, werden wir aktiv – auch über die Stadtgrenzen von Essen hinaus. Im Oktober 2019 haben wir die Leitung einer bestehenden Einrichtung in Bochum übernommen. Zudem planen wir in der Nachbarstadt eine ambulante, intensiv betreute Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung.

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